Gesangstechnik Mischa Züwerink
Frei in der Höhe
Die Höhe ist der Ort, an dem sich entscheidet, ob jemand Technik hat oder Glück. Und Belting ist der Begriff, unter dem seit Jahrzehnten zwei völlig verschiedene Dinge verhandelt werden. Eine präzise Klangtechnik und ein lautes Missverständnis.
Gesangstechnik
Fast alle, die zu mir mit dem Wunsch nach mehr Höhe kommen, bringen dieselbe Lösung schon mit: mehr Kraft. Mehr Luft, mehr Druck, mehr Schub von unten. Die Idee liegt nahe, weil der Ton oben ja schwerer geht. Sie führt trotzdem zuverlässig in die Sackgasse.
Der Grund, warum es oben eng wird
Mit steigender Tonhöhe müssen die Stimmlippen länger und dünner werden. Der dafür zuständige Muskel zieht den Schildknorpel nach vorn und unten; gleichzeitig muss der Muskel im Inneren der Stimmlippe, der für Masse und Kraft sorgt, seinen Anteil abgeben. Diese Verschiebung ist die eigentliche Arbeit. Sie ist eine Koordinationsaufgabe, keine Kraftaufgabe.
Wer nun den Druck von unten erhöht, tut genau das Falsche. Ein höherer Anblasedruck verlangt einen festeren Stimmlippenschluss, damit sich das Ventil nicht einfach aufdrücken lässt. Das aber blockiert die Verdünnung, die gerade stattfinden müsste. Die Stimme bleibt dick, der Ton bleibt unten hängen, und der Sänger tut das Einzige, was ihm noch einfällt. Er drückt noch mehr.
Was dort im Übergang zwischen den Registern tatsächlich passiert und warum es kein drittes Register gibt, habe ich gesondert beschrieben. Für die Höhe zählt vor allem eine Folgerung daraus. Der Weg nach oben führt über weniger Widerstand und nicht über mehr Antrieb.
Was Belting technisch ist
Belting ist keine Lautstärke und kein Schreien mit gutem Gewissen. Es ist eine bestimmte Einstellung des Ansatzrohrs, mit der ein Ton oberhalb der gewohnten Brustlage tragfähig, hell und unverstärkt hörbar wird.
Das entscheidende Prinzip ist akustisch. Jeder Vokal hat Resonanzen, also Bereiche, in denen der Rachen bestimmte Frequenzen verstärkt. Beim Belting wird die erste dieser Resonanzen so eingestellt, dass sie mit dem ersten Oberton des gesungenen Tons zusammenfällt, also mit der doppelten Grundfrequenz. Trifft man das, verstärkt der Raum über dem Kehlkopf den Ton so wirksam, dass Schalldruckpegel entstehen, die nahe an 120 Dezibel heranreichen können. Das sind etwa zehn Dezibel über dem, was klassisch ausgebildete Stimmen an derselben Stelle erreichen.
Der Punkt daran liegt in der Herkunft dieser zehn Dezibel. Sie kommen aus dem Raum und nicht aus dem Kehlkopf. Belting ist eine Verstärkerschaltung und keine Kraftanstrengung. Wer stattdessen mit der Glottis presst, erzeugt weniger Lautstärke bei deutlich höherer Belastung.
- Der Bereich
- Klassisch angesetzt wird Belting bei Frauen etwa zwischen f' und c'' (rund 349 bis 523 Hertz), bei Männern etwa zwischen h und a' (rund 247 bis 440 Hertz), also genau dort, wo die reine Bruststimme normalerweise aufhören will.
- Die Einstellung
- Enger Kehlkopfeingang, leicht erhöhter Kehlkopf, verengter Rachen bei gleichzeitig weit geöffnetem Kiefer. Die Form wird gern mit einem Megafon verglichen: schmal am Anfang, weit am Ende.
- Der Vokal
- Helle, offene Vokale gelingen leichter, weil ihre Resonanz von Haus aus höher liegt. Deshalb wird beim Belting im Aufwärtsgang der Vokal angepasst. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil die Physik es verlangt.
Ist Belting schädlich?
Die ehrliche Antwort lautet ja und nein. Belting ist eine Hochlastform. Der Kehlkopf steht dabei unter mehr Beanspruchung als beim klassischen Singen derselben Tonhöhe, und wer es ohne die passende Einstellung versucht, arbeitet fast ausschließlich mit Druck. Das hält Gewebe eine Weile aus und dann nicht mehr.
Richtig ausgeführt ist es aber keine Selbstbeschädigung. Es gibt Sängerinnen, die seit dreißig Jahren acht Vorstellungen die Woche belten. Der Unterschied liegt nicht in der Härte des Klangs. Er liegt darin, ob die Lautstärke akustisch entsteht oder muskulär erzwungen wird, und darin, wie viel Erholung dazwischen liegt. Was den Stimmapparat auf Dauer ruiniert, ist selten der einzelne laute Abend. Es ist die Summe aus Sprechen, Lärm und zu wenig Schlaf drumherum; darüber steht mehr im Text zur Stimme auf Tour.
Woran man merkt, dass man auf dem falschen Weg ist
Ich nenne meinen Schülern drei Zeichen, und sie sind zuverlässiger als jedes Gefühl von Anstrengung, weil Anstrengung beim Belting normal ist.
Erstens. Der Ton lässt sich nicht leiser machen. Wer einen hohen Ton nur bei voller Lautstärke halten kann, hat keine Einstellung gefunden, er hat einen Zustand erzwungen. Zweitens. Die Tonhöhe kippt beim Lauterwerden nach oben, ein sicheres Zeichen für zu viel Anblasedruck. Drittens. Die Sprechstimme klingt nach der Probe anders als davor. Alles, was länger als eine halbe Stunde nachwirkt, war zu viel.
Wie man die Höhe aufbaut
Nicht mit hohen Tönen. Die Höhe entsteht im Übergang, und wer sie oben sucht, findet dort nur die Gewohnheiten, die er von unten mitgebracht hat. Ich arbeite deshalb meistens in der Mitte, an der Stelle, an der die Stimme umschalten will, und zwar leise. Leise macht die Koordination sichtbar, die laut übertönt wird.
Erst wenn der Übergang sauber und in beide Richtungen zuverlässig geht, kommt Lautstärke dazu. Diese Reihenfolge ist unbeliebt, weil sie langsam wirkt. Sie ist aber die einzige, bei der die Höhe hinterher auch an einem müden Tag noch da ist.
Und noch etwas, das die wenigsten hören wollen. Die Tonart ist verhandelbar. Ein Song, den man einen Ganzton tiefer singt, klingt besser als einer, den man knapp erreicht. Niemand im Publikum hört die Tonart. Alle hören, ob es eng klingt.
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