Gesangstechnik Mischa Züwerink
Atmung und Stütze
Kein Bereich des Gesangsunterrichts hat so viele Anweisungen hervorgebracht wie dieser, und keiner hat so wenige davon überprüft. „In den Bauch atmen“, „von unten stützen“, „den Ton auf die Luft setzen“. Die Bilder sind alt, sie werden weitergereicht, und die wenigsten wissen, worauf sie sich beziehen.
Gesangstechnik
Ich halte diese Bilder nicht für falsch. Ein Bild muss nicht anatomisch stimmen, um zu funktionieren. Es muss nur zuverlässig dieselbe Bewegung auslösen. Problematisch wird es, wenn jemand das Bild für die Beschreibung hält und anfängt, es wörtlich zu nehmen. Dann atmet man in einen Raum, in den keine Luft passt, und stützt gegen einen Widerstand, den es nicht gibt.
Was beim Einatmen tatsächlich passiert
Das Zwerchfell ist eine Kuppel aus Muskel und Sehne unter der Lunge. Es zieht sich zusammen, flacht dabei ab und senkt sich. Dadurch wird der Brustraum größer, der Druck darin sinkt, und Luft strömt nach. Weil sich die Kuppel nach unten bewegt, müssen die Bauchorgane ausweichen, nach vorn und zur Seite. Das spürt man dann als Bauchbewegung.
In den Bauch atmen kann man also nicht. Was man spürt, ist die Verdrängung und nicht die Luft. Der Satz beschreibt eine echte Empfindung mit einer falschen Ursache. Genau deshalb funktioniert er bei vielen Menschen trotzdem. Wer versucht, in den Bauch zu atmen, senkt in aller Regel das Zwerchfell tiefer als jemand, der bewusst „tief einatmet“ und dabei die Schultern hebt.
Man kann die Sache aber auch übertreiben. Ein Bauch, der maximal herausgedrückt wird, ist kein Qualitätsmerkmal. Die Rippen gehören mindestens ebenso dazu, seitlich, hinten und unten. Wer nur nach vorn atmet, lässt einen erheblichen Teil des möglichen Volumens ungenutzt.
Der Punkt, an dem fast jede Erklärung falsch wird
Es heißt oft, das Zwerchfell sei ein reiner Einatemmuskel und beim Singen nicht mehr beteiligt. So verläuft ein ruhiger Atemzug. Ein gesungener Ton verläuft anders.
Beim geübten Singen bleibt die Einatemmuskulatur während der Phonation beteiligt. Messbar ist das vor allem zu Beginn einer Phrase, solange die Lunge noch gut gefüllt ist, und bei schnellen Wechseln von Lautstärke und Tonhöhe. Sie arbeitet gegen die Kräfte, die die Lunge zusammenziehen wollen, gegen die elastische Rückstellung des Gewebes und gegen den Zug der Bauchdecke. Die Fachliteratur nennt das inspiratorisches Halten. Das Zwerchfell steigt dabei nicht weniger, es steigt langsamer und gleichmäßiger. Der Luftstrom wird nicht ausgestoßen, er wird gebremst abgegeben.
Darin liegt der ganze Kern der Sache. Singen ist kein Ausatmen mit Ton. Singen ist ein kontrolliertes Nichtausatmen bei geöffnetem Ventil.
Was Stütze meint
Der italienische Begriff dafür ist appoggio, wörtlich das Anlehnen. Er beschreibt kein Drücken, er beschreibt ein Gleichgewicht. Der Brustkorb bleibt geweitet und sinkt nicht sofort ein, die Rippen bleiben länger draußen, die Bauchmuskulatur arbeitet nach innen und liefert den Druck, den der Kehlkopf braucht. Die Einatemmuskulatur hält dagegen. Zwei Kräfte, die sich begegnen. Der Ton entsteht zwischen ihnen.
Deshalb ist „mehr stützen“ eine der unbrauchbarsten Anweisungen des Fachs. Sie wird fast immer als „mehr Druck“ verstanden, und mehr Druck ist in neunzig Prozent der Fälle genau das Gegenteil dessen, was gebraucht wird. Wer einen zu hohen Anblasedruck erzeugt, presst die Stimmlippen stärker aneinander, als sie es aushalten, und bekommt einen Ton, der laut klingt und eng ist.
- Was Stütze nicht ist
- Kein Anspannen des Bauches wie vor einem Schlag. Kein Herausdrücken. Kein Pressen nach unten, wie man es aus dem Krafttraining kennt. Wer beim Singen rot anläuft, staut nur.
- Was Stütze ist
- Ein gehaltenes Gleichgewicht zwischen der Muskulatur, die den Brustraum offen hält, und der, die die Luft nach oben schiebt. Die Arbeit ist deutlich spürbar, aber sie ist elastisch, nicht starr.
- Woran man merkt, dass es stimmt
- Der Ton lässt sich leiser und lauter machen, ohne dass sich die Tonhöhe verschiebt. Man kann eine Phrase abbrechen und sofort weiter singen. Der Hals fühlt sich nach zwanzig Minuten an wie vorher.
Warum Anfänger meistens zu viel Luft nehmen
Die häufigste Beobachtung in meinen ersten Stunden geht so. Jemand holt tief Luft, hält einen Moment inne, und die halbe Menge ist weg, bevor der Ton richtig steht. Danach wird es eng, weil zu wenig übrig ist.
Eine sehr volle Lunge ist keine gute Ausgangslage. Der Rückstelldruck des überdehnten Gewebes ist dann so hoch, dass man ihn zurückhalten muss, statt ihn zu nutzen. Die Muskulatur arbeitet gegen sich selbst. Für die meisten Phrasen reicht deutlich weniger Luft, als das Gefühl verlangt. Wer weniger nimmt und länger damit auskommt, singt fast immer freier als jemand, der maximal füllt.
Der zweite Punkt betrifft die Zeit. Eine hörbar eingesogene Atmung ist eine zu enge Atmung. Das Geräusch entsteht am Kehlkopf, der eigentlich offen sein sollte. Wer lernt, lautlos und schnell zu atmen, hat einen großen Teil der Arbeit schon erledigt.
Zwei Übungen, die etwas taugen
Ich gebe ungern Übungen ohne Aufsicht weiter, weil man beim Üben zuverlässig das falsche Gefühl festigt, wenn niemand korrigiert. Zwei sind aber unbedenklich, weil sie nichts erzwingen.
Die erste Übung: auf einem stimmlosen s ausatmen, so lange und so gleichmäßig wie möglich. Die Dauer ist dabei egal. Es geht darum, ob die Rippen sofort zusammenfallen oder ihre Weite eine Weile halten. Das Halten ist die Bewegung, um die es geht. Sie ist nicht erzwungen, sie ist nur nicht aufgegeben.
Die zweite Übung: eine Hand seitlich an die unteren Rippen, einatmen, und prüfen, ob sich die Hand nach außen bewegt. Bewegt sich nur der Bauch vorn und bleiben die Rippen still, fehlt die Hälfte. Beides gehört zusammen.
Wie viel davon man wirklich braucht
Ich habe Sängerinnen und Sänger erlebt, die über Atmung nichts sagen konnten und großartig sangen, und andere, die jede Beteiligung benennen konnten und dabei klangen, als würden sie ein Gerät bedienen. Die Atmung ist ein Mittel, kein Thema. Sie ist dann gut, wenn sie nicht mehr auffällt.
Wer aber am Ende einer Phrase regelmäßig eng wird, wer nach zwei Liedern müde ist, wer in der Höhe zumacht, bei dem liegt es fast immer hier. Es fehlt dann nicht an Kraft, es fehlt an einer Balance, die noch nicht steht. Das lässt sich in wenigen Wochen deutlich verändern. Wie sich das in der Höhe auswirkt, habe ich an anderer Stelle beschrieben.
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