Grundlagen Mischa Züwerink
Was ist meine Stimmlage?
Fast jeder, der mir diese Frage stellt, nennt im selben Atemzug seinen höchsten Ton. Das ist verständlich und führt zuverlässig zur falschen Antwort — denn der höchste Ton ist das Kriterium, das am wenigsten über eine Stimme aussagt.
Grundlagen
Die Einteilung in Sopran, Mezzo, Alt, Tenor, Bariton und Bass stammt aus dem Opernbetrieb des neunzehnten Jahrhunderts. Deutsche Häuser brauchten eine Sprache, um Sängerinnen und Sänger auf Partien zu verteilen; das deutsche Wort Fach ist deshalb bis heute der internationale Fachbegriff. Es ging nie darum, Menschen zu beschreiben. Es ging darum, Rollen zu besetzen.
Das erklärt, warum die Frage im Pop und Rock so oft ins Leere läuft. Es gibt dort keine Partien, die eine Einteilung erzwingen. Trotzdem wird sie gestellt, meist aus dem Bedürfnis heraus, endlich zu wissen, woran man ist. Diesen Wunsch verstehe ich. Nur ist die Antwort selten die, die erwartet wird.
Drei Begriffe, die ständig verwechselt werden
- Umfang
- Alle Töne, die jemand irgendwie herausbekommt, vom tiefsten Brummen bis zum höchsten Quietschen. Der Umfang ist leicht zu messen, gut für Statistiken und für die Bestimmung der Stimmlage weitgehend unbrauchbar.
- Tessitura
- Der Bereich, in dem eine Stimme gern und lange arbeitet, ohne Aufwand, ohne Anpassung, ohne dass es eng wird. Darin liegt das eigentliche Kriterium. Wo eine Stimme ihre Mitte hat, sagt mehr über sie als jede Grenze, die sie unter Anstrengung erreicht.
- Klangfarbe und Gewicht
- Wie dicht, wie hell, wie tragend eine Stimme klingt. Zwei Menschen mit identischem Umfang können völlig verschiedene Stimmen haben, die eine leicht und beweglich, die andere dunkel und schwer.
Die häufigste Fehleinschätzung entsteht genau aus dieser Verwechslung. Eine junge Mezzosopranistin bringt ein sauberes hohes C zustande und wird zum Sopran erklärt. Dass der Ton existiert, ist unbestritten. Die Frage lautet aber nicht, ob er existiert. Sie lautet, wo die Stimme ihre Energie hat. Wer eine Sängerin in eine Lage sortiert, in der sie Abend für Abend arbeiten müsste, ohne dort zu Hause zu sein, richtet Schaden an.
Die verlässlichste Marke ist die Übergangsstelle
Wenn ich eine Stimme einordnen soll, höre ich nicht auf die Extreme. Ich höre darauf, wo sie umschaltet, wo also das Passaggio liegt, die Stelle, an der sich die Muskelbalance zwischen Länge und Masse spürbar verschiebt. Diese Stelle ist anatomisch bedingt und lässt sich schlecht antrainieren; sie liegt bei einem Bariton anders als bei einem Tenor, und zwar unabhängig davon, wer von beiden das höhere Spitzenton-Kunststück vorführen kann.
Deshalb nennen Fachleute die Übergangsstelle einen strukturellen Anhaltspunkt. Sie beschreibt die Bauart der Stimme, nicht ihre Tagesform und nicht ihren Ehrgeiz. Zusammen mit der Tessitura und der Klangfarbe ergibt sie ein belastbares Bild. Der höchste und der tiefste Ton gehören nicht dazu.
Was dort tatsächlich passiert und warum es kein drittes Register gibt, habe ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben.
Warum ich die Frage bei Anfängern vertage
Eine untrainierte Stimme zeigt ihre Lage nicht. Sie zeigt ihre Gewohnheiten. Wer jahrelang zu tief gesprochen hat, klingt nach Bariton. Wer nie über die Mittellage hinaus gesungen hat, hat dort oben nichts, das man beurteilen könnte. Es fehlt nicht, es wurde nur nie benutzt.
Ich habe erlebt, wie Menschen sich jahrelang als Alt bezeichneten und nach ein paar Monaten Arbeit an den Übergängen mühelos in einer Lage standen, die sie sich nie zugetraut hätten. Verändert hatte sich die Stimme nicht. Sie hatten vorher nur die untere Hälfte ihres Instruments gekannt. Eine Einordnung, die man in der ersten Stunde vornimmt, ist deshalb oft eine Selbstbeschränkung mit Fachbegriff.
Meine Regel lautet: erst arbeiten, dann einordnen. Und wenn nach einem Jahr klar ist, wo die Stimme wohnt, hat sich die Frage meist von selbst beantwortet.
Wann die Einteilung wirklich zählt
Es gibt Fälle, in denen sie wichtig ist, und ich will sie nicht kleiner machen, als sie sind. Im klassischen Betrieb entscheidet das Fach über Repertoire, Vorsingen und Engagement; wer sich dort falsch einordnet, singt Partien, die seine Stimme aufreiben. Im Chor braucht es Stimmgruppen, sonst funktioniert der Satz nicht. Und wer Musicals singt, trifft auf Ausschreibungen, die in dieser Sprache geschrieben sind.
Im Pop, Rock und Soul dagegen ist die Frage fast immer die falsche. Dort entscheidet die Tonart und nicht die Lage, und die Tonart ist verhandelbar. Ein Song, der einen Ganzton tiefer steht, ist kein Kompromiss. Er ist eine Bearbeitung, wie sie Sängerinnen und Sänger seit jeher vornehmen. Niemand im Publikum hört die Tonart. Alle hören, ob es angestrengt klingt.
Was du selbst herausfinden kannst
Ohne Gerät und ohne Lehrer kommst du weiter, als du denkst, wenn du die richtige Frage stellst. Sie lautet nicht, welchen Ton du gerade noch erreichst. Sie lautet, in welchem Bereich du zwanzig Minuten am Stück sprechen und singen könntest, ohne dass es eng wird.
Sing dazu eine einfache Melodie in mehreren Tonarten und achte dabei auf den Aufwand und nicht auf den Klang. Der Bereich, in dem du das Gefühl hast, du könntest ewig weitermachen, ist deine Tessitura. Er liegt meistens tiefer, als die eigene Eitelkeit vermutet, und höher, als die eigene Vorsicht glaubt.
Und wenn du dabei merkst, dass dieser Bereich sehr schmal ist, dann ist das kein Urteil über deine Stimmlage. Es ist die Beschreibung eines Trainingsstands.
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