Grundlagen Mischa Züwerink
Kann jeder singen lernen?
Die Frage kommt selten als Frage. Meistens kommt sie als Feststellung: „Ich kann nicht singen.“ Gesagt wird das von Menschen, die damit fast immer falsch liegen. Gehört haben sie es von jemandem, der es nicht wissen konnte.
Es gibt zu dieser Frage eine Zahl, die ich für die aufschlussreichste der ganzen Stimmforschung halte. In einer Untersuchung an über tausend Studierenden hielten sich rund sechzig Prozent für unfähig, eine Melodie richtig nachzusingen. Misst man dieselben Menschen nach, singen die allermeisten Gelegenheitssängerinnen und -sänger im Rahmen des Tonalen. Je nach Messkriterium liegen die Schätzungen bei fünfundachtzig bis neunzig Prozent.
Zwischen dem, was Menschen über ihre Stimme glauben, und dem, was ihre Stimme tut, klafft eine Lücke von der Größe einer Generation. Über diese Lücke soll es hier gehen.
Was echte Amusie ist — und wie selten
Es gibt eine angeborene Störung der Tonhöhenverarbeitung, die Fachsprache nennt sie kongenitale Amusie. Betroffene hören nicht, dass ein Ton daneben liegt; das Gehirn verarbeitet musikalische Tonhöhe anders. Die Störung ist real und erblich mitbedingt. Mit Fleiß hat sie nichts zu tun.
Die Zahl, die dazu jahrzehntelang kursierte, lautete vier Prozent. Sie stammt aus einem einzelnen Test aus dem Jahr 1980. Die größte seither durchgeführte Erhebung, an der in Kanada über zwanzigtausend Menschen teilnahmen, kommt auf rund anderthalb Prozent. Eine spätere Untersuchung an kolumbianischen Studierenden fand für die tonhöhenbezogene Form sogar nur etwa ein halbes Prozent.
Rechne das gegen die sechzig Prozent, die sich für unmusikalisch halten. Von hundert Menschen, die „ich kann nicht singen“ sagen, hat vielleicht einer einen Grund, der in seiner Wahrnehmung liegt. Die anderen neunundneunzig meinen etwas anderes, ohne es zu wissen.
Drei verschiedene Probleme, ein einziger Satz
Wenn ich nachfrage, was genau nicht funktioniert, kommen fast immer Beschreibungen heraus, die sich auf drei Dinge zurückführen lassen. Sie werden alle drei „nicht singen können“ genannt und haben miteinander wenig zu tun.
- Das Hören
- Ob jemand überhaupt bemerkt, dass ein Ton daneben liegt. Bei echter Amusie fehlt diese Fähigkeit. Bei fast allen anderen ist sie vorhanden, oft sogar sehr gut. Wer sich beim Singen selbst schrecklich findet, hört offenkundig genau.
- Das Treffen
- Ob der Körper den gehörten Ton auch herstellt. Hören und Treffen sind zwei getrennte Fähigkeiten. Die Forschung erklärt ungenaues Singen heute vor allem als schwache Verbindung zwischen beiden. Die Zuordnung von gehörter Tonhöhe zu motorischer Einstellung ist dann schlecht ausgebildet. Am Ohr liegt es also selten und am Kehlkopf auch nicht. Es liegt an der Übersetzung dazwischen.
- Der Mut
- Nicht messbar, in der Praxis der häufigste Fall. Wer leise singt, um nicht aufzufallen, singt mit zu wenig Atemfluss und zu wenig Schluss und trifft deshalb schlechter. Die Angst, daneben zu liegen, erzeugt genau das, wovor sie schützen soll.
Von diesen drei Dingen sind zwei reine Trainingsfragen. Eine Übersetzung, die schlecht funktioniert, wird durch Wiederholung besser, so wie jede motorische Zuordnung besser wird, vom Tastaturgriff bis zum Aufschlag im Tennis.
Woher der Satz kommt
Fast jeder, der mir sagt, er könne nicht singen, kann mir auch sagen, von wem er das hat. Meistens war es eine Musiklehrerin in der dritten oder vierten Klasse, gelegentlich ein Familienmitglied, manchmal ein einzelner Satz bei einem Schulchor-Vorsingen: „Sing lieber mit der Mundbewegung mit.“
Ein Kind, das diesen Satz hört, hört nicht „deine Zuordnung von Ton und Muskel ist noch ungeübt“. Es hört „du gehörst nicht dazu“, und dann hört es auf zu üben. Zwanzig Jahre später steht ein Erwachsener vor mir, dessen Stimme genau dort stehengeblieben ist, wo sie damals war. Das sieht aus wie fehlendes Talent und ist ausgefallene Übezeit.
Was tatsächlich nicht trainierbar ist
Ich will nicht so tun, als sei alles machbar. Ein paar Dinge bringt man mit, und sie ändern sich nicht:
Die Klangfarbe ist gegeben. Länge und Masse der Stimmlippen, Größe und Form des Ansatzrohrs, das alles ist Anatomie. Man kann aus einer Stimme herausholen, was in ihr liegt, aber man kann sie nicht in eine andere verwandeln. Wer wie jemand anderes klingen will, wird enttäuscht; wer klingen will wie er selbst, aber frei, wird selten enttäuscht.
Der Umfang hat Grenzen, die weiter außen liegen, als die meisten glauben, aber es gibt sie. Die Belastbarkeit ist unterschiedlich verteilt. Manche Stimmen vertragen viel, andere melden sich früh. Mit Charakter hat das nichts zu tun, es ist Gewebe.
Was hingegen sehr wohl trainierbar ist: Treffsicherheit, Umfang innerhalb der eigenen Anlage, Ausdauer, Tragfähigkeit, Übergänge, Ausdruck. Also praktisch alles, was jemand meint, wenn er sagt, er wolle singen lernen.
Was in den ersten Monaten realistisch ist
Ich nenne dazu ungern Zahlen, weil sie mehr versprechen, als sie halten können. Grob gesagt hört jemand, der wirklich unsicher trifft und regelmäßig arbeitet, den Unterschied meist nach wenigen Wochen. Treffsicherheit reagiert am schnellsten, weil sie reine Zuordnung ist. Alles, was mit Muskelkoordination zu tun hat, braucht Monate statt Wochen. Ausdauer kommt zuletzt.
Zwanzig Minuten täglich schlagen dabei zwei Stunden am Wochenende, aus demselben Grund, aus dem man eine Sprache nicht am Sonntag lernt. Der Körper speichert Bewegungsmuster über Wiederholung in kurzen Abständen, nicht über Anstrengung in langen.
Die ehrlichste Antwort
Kann jeder singen lernen? Fast jeder kann lernen, sicher zu treffen, frei zu klingen und ein Lied so zu singen, dass es andere gern hören. Ob daraus eine professionelle Stimme wird, hängt von Anlage, Zeit und Hartnäckigkeit ab, wie in jedem Handwerk.
Die Frage, die mir dabei sinnvoller scheint als „habe ich Talent“, ist: Was willst du mit deiner Stimme tun? Wer sie im Chor mögen will, ist in wenigen Monaten dort. Wer auf eine Bühne will, hat einen längeren Weg. Beide Wege beginnen an derselben Stelle, und keiner von beiden beginnt mit Talent.
Der nächste Schritt
Was deine Stimme kann, lässt sich feststellen.
Die Vocal Analyse ist eine einmalige Bestandsaufnahme über sechzig Minuten. Danach weißt du, was technisch fehlt und was längst da ist.
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