Tour und Studio Mischa Züwerink

Die Stimme über eine Tour bringen

Wer nach der zwölften Show heiser ist, hat das Problem selten auf der Bühne gemacht. Neunzig Minuten Singen sind für eine trainierte Stimme keine Zumutung. Die zweiundzwanzig Stunden davor und danach schon.

Ich betreue seit vielen Jahren Sängerinnen und Sänger im Tourbetrieb, und das Muster wiederholt sich fast unverändert. Die ersten Abende laufen. Irgendwo zwischen der sechsten und der zwölften Show ist die Stimme morgens belegt, die Höhe kommt später, die Töne brauchen Anlauf. Dann setzt Panik ein, und Panik führt zu mehr Druck, also zu genau dem, was das Problem verschärft. Der Verschleiß entsteht dabei nicht in der Show. Er entsteht in den Stunden dazwischen, und die sind gestaltbar.

Das Reden kostet mehr als das Singen

Eine Show ist geplant. Tonarten, Pausen und Monitoring stehen, und wer singt, tut es mit Aufmerksamkeit. Alles danach ist ungeplant: Aftershow, Bus, Bar, Catering, ein Interview am nächsten Morgen. Dort wird stundenlang gesprochen, ohne Technik und vor allem in lauten Räumen.

Warum das so teuer ist, trägt einen Namen. Der Lombard-Effekt beschreibt, dass der Mensch in lauter Umgebung unwillkürlich seine Stimme anhebt, ohne es zu merken. Es ist keine Entscheidung, es ist ein Reflex. Zwei Stunden Unterhaltung in einem vollen Backstage-Raum bedeuten mehr Stimmlippenschwingungen bei höherem Druck als die ganze Show, nur ohne jede Kontrolle darüber.

Meine Empfehlung ist unromantisch und wird oft ignoriert. Nach der Show gehören Gespräche nach draußen, in den Gang, an einen leisen Tisch. Wer sich beim Sprechen anstrengen muss, sitzt am falschen Ort. Mit Divenhaftigkeit hat das nichts zu tun. Es ist Arbeitsschutz für das einzige Instrument, das man nicht tauschen kann.

Flüstern ist kein Schonprogramm

Wer heiser ist, flüstert. Verständlich ist das und oft kontraproduktiv. Gepresstes Flüstern treibt einen starken Luftstrom durch eine nur teilweise geschlossene Glottis und geht bei vielen Sprechern mit erheblicher Muskelanspannung im Kehlkopf einher. Wenn eine Stimme Ruhe braucht, dann Ruhe. Und wenn gesprochen werden muss, dann leise, aber mit Ton, in bequemer Lage und in kurzen Sätzen.

Wasser hilft, aber anders als gedacht

Kein Getränk berührt die Stimmlippen; was geschluckt wird, geht durch die Speiseröhre. Trinken wirkt systemisch, über den Wasserhaushalt des ganzen Körpers, und deshalb langsam. Der halbe Liter zehn Minuten vor der Show tut nichts mehr für den Abend. Der Tag davor tut etwas.

Warum das zählt, lässt sich messen. Der Phonationsschwellendruck ist der geringste Druck, mit dem die Stimmlippen überhaupt zu schwingen beginnen, und er steigt, wenn die Schleimhaut austrocknet. Jeder einzelne Ton kostet dann mehr Aufwand, und über einen Abend summiert sich das; messbar wird es bereits bei einem Flüssigkeitsverlust um ein Prozent des Körpergewichts. Ehrlich bleiben muss man trotzdem. Die zusammenfassenden Auswertungen finden einen realen, aber moderaten Effekt. Trinken ersetzt keine Technik, es senkt nur den Preis jedes Tons ein wenig. Über dreißig Abende ist das viel.

Der zweite Weg ist die Luft selbst. Trockene Hotelzimmer, Flugkabinen und Klimaanlagen im Bus sind die eigentlichen Gegner. Ein Inhalator mit Kochsalzlösung oder schlicht Dampf über einer Schüssel befeuchtet die Schleimhaut direkt, innerhalb von Minuten statt Stunden. Es ist der einzige Weg, auf dem Feuchtigkeit wirklich dorthin gelangt, wo sie gebraucht wird.

Schlaf ist die unpopulärste Maßnahme

Und zugleich die wirksamste. Die Koordination, um die es beim Singen geht, ist eine motorische Leistung wie jede andere, und motorische Leistungen brechen unter Schlafmangel messbar ein. Dazu kommt etwas Zweites. Müde Sängerinnen und Sänger kompensieren mit Kraft. Sie hören sich selbst schlechter, schätzen ihre Lautstärke schlechter ein und greifen instinktiv zum Druck. Von allen Stellschrauben einer Tour hat man diese am ehesten selbst in der Hand, und opfert sie am häufigsten zuerst.

Schlechtes Monitoring ruiniert mehr Stimmen als schlechte Technik

Wer sich auf der Bühne nicht hört, singt lauter. Es ist derselbe Reflex wie im Backstage-Raum, nur mit einem Instrument dazwischen, das ohnehin maximal beansprucht wird, und neunzig Minuten am Stück. Deshalb gehört der Monitorweg zur Gesangstechnik, auch wenn er in keinem Gesangsbuch steht. Drei Dinge lege ich jeder Sängerin auf Tour ans Herz.

In-Ears, und dann beidseitig
Ein Ohr offen zu lassen, um „den Saal zu spüren“, hebt fast immer die Gesangslautstärke, weil dieses Ohr den Bühnenpegel meldet. Wer den Raum braucht, holt ihn über ein Umgebungsmikrofon in den Mix.
Die eigene Stimme lauter, als es sich richtig anfühlt
Hört man sich zu leise, drückt man nach; hört man sich zu deutlich, nimmt man zurück. Der zweite Fehler ist der ungefährlichere.
Den Gesamtpegel niedrig halten
Wer den Mix jeden Abend ein wenig lauter braucht, hat selten schlechtere Techniker. Er hat strapaziertere Ohren und mit ihnen ein schlechteres Urteil über die eigene Lautstärke.

Ohne In-Ears lautet die wichtigste Bitte an den Monitormenschen nicht „mehr von mir“. Sie lautet „weniger von allem anderen“. Absenken kostet die Stimme nichts; Anheben endet in einer Rückkopplungsschlacht, aus der sie als Verliererin hervorgeht.

Einsingen, Aussingen, und was dazwischen nichts verloren hat

Ein Einsingen steigert keine Leistung, es gleicht ab. Wo steht die Stimme heute, wie viel Anlauf braucht die Höhe. Zehn bis zwanzig Minuten reichen, leise beginnend. Wer sich dabei müde macht, hat den Zweck verfehlt.

Das Aussingen danach wird fast immer weggelassen und ist auf einer langen Tour vielleicht wichtiger. Nach neunzig Minuten in hoher Lage steht die Muskulatur unter einer Spannung, die von selbst nur langsam nachlässt. Ein paar Minuten leises, abwärts geführtes Summen bringen den Kehlkopf zurück in eine neutrale Lage. Darin liegt der Unterschied zwischen einer Stimme, die am nächsten Morgen belegt ist, und einer, die es nicht ist.

Reflux und Alkohol, die stillen Mitspieler

Spät essen, danach flach liegen, dazu Alkohol. So läuft es nach fast jeder Show, und es ist zugleich das Rezept für stillen Reflux. Aufsteigende Magensäure reizt die Schleimhaut im Kehlkopf, oft ohne zu brennen. Das einzige Anzeichen ist dann eine morgens belegte Stimme, Räusperzwang, das Gefühl, etwas sitze im Hals. Ein leicht erhöhtes Kopfende hilft mehr als jedes Halsbonbon. Und Alkohol wirkt zusätzlich über das Urteil. Er senkt die Wahrnehmung der eigenen Anstrengung, und die ist auf Tour das wichtigste Warnsystem.

Die Setlist ist ein technisches Dokument

Drei fordernde Nummern hintereinander sind eine Entscheidung gegen die eigene Stimme, auch wenn sie dramaturgisch klug aussehen. Ich gehe die Liste durch und frage bei jedem Titel dasselbe. Wo liegt der höchste Ton, wie lange steht er, was kommt danach. Meist genügen zwei Umstellungen und eine Tonart, um aus einem Abend auf Kante einen mit Reserve zu machen. Eine Tonart nach unten ist kein Eingeständnis. Sie ist eine Anpassung des Instruments an den Abend. Niemand im Publikum hört einen Halbton. Alle hören, wenn der letzte Refrain bricht.

Wann man aufhört

Darüber wird auf Tour am wenigsten gesprochen, und hier werde ich deutlich. Eine Stimme, die sich müde anfühlt, darf singen. Eine Stimme, die nach zehn Stunden Schlaf immer noch heiser ist, meldet etwas anderes. Und wer plötzlich Töne verliert, die gestern da waren, wer beim Sprechen Schmerz spürt oder Blut im Auswurf sieht, gehört nicht auf die Bühne. Er gehört zu einer Phoniaterin oder einem HNO-Arzt mit Stimmschwerpunkt.

Die Faustregel, die ich weitergebe, ist einfach. Heiserkeit über drei Wochen gehört untersucht, unabhängig davon, wie voll der Tourkalender ist. Ich bin Gesangslehrer und kein Arzt; genau hier endet meine Zuständigkeit. Eine abgesagte Show ist teuer. Eine Stimmlippenblutung, die zur falschen Zeit weitergesungen wird, ist teurer, und manchmal ist sie eine Karriere.

Was davon zuerst

Wenn aus diesem Text eine einzige Sache bleibt, dann nicht das Wasser und nicht das Einsingen. Es ist die Lautstärke der Umgebung zwischen den Shows, im Backstage, im Bus, im Ohr. Fast alles, was Stimmen auf langen Touren aufreibt, läuft über denselben Mechanismus. Ein zu lauter Raum lässt dich lauter werden, ohne dass du es entscheidest. Wer das einmal verstanden hat, entscheidet ab dem nächsten Abend zwanzig Kleinigkeiten anders.

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