Grundlagen Mischa Züwerink
Unterricht, App oder YouTube?
Es liegt nahe, dass ich diese Frage in eine Richtung beantworte. Deshalb fange ich mit dem an, was für die andere Seite spricht. Es ist mehr, als Kollegen gern zugeben.
Grundlagen
Es gibt heute frei zugängliches Material, das besser ist als das, was ich vor zwanzig Jahren in teuren Kursen bekommen habe. Wer wissen will, was ein Passaggio ist, findet in zehn Minuten eine bessere Erklärung als in manchem Lehrbuch. Und wer mit einer Tonhöhen-App übt, bekommt eine Rückmeldung, die einem Chorleiter in einer Gruppe niemals möglich wäre.
Was Selbstlernen gut kann
Drei Dinge, und die sollte man nutzen.
Erstens Wissen. Wie der Kehlkopf funktioniert, was Register sind, warum Atmung so oft falsch erklärt wird: all das kann man lesen und hören. Es kostet nichts und macht die spätere Arbeit schneller, weil man die Sprache schon kennt.
Zweitens die Treffsicherheit. Sie ist die Fähigkeit, die auf reine Wiederholung am schnellsten reagiert, und eine App, die Tonhöhen anzeigt, gibt dabei eine objektive Rückmeldung. Wer unsicher trifft, kommt damit allein weit. Dazu steht mehr im Text darüber, ob jeder singen lernen kann.
Drittens die Menge. Zwanzig Minuten täglich schlagen eine Stunde Unterricht pro Woche, wenn es um Gewöhnung geht. Kein Lehrer der Welt kann das ersetzen, und kein Lehrer sollte es wollen.
Der Grund, warum es allein trotzdem oft schiefgeht
Man hört sich selbst nicht so, wie man klingt. Das ist keine Redewendung, das ist Physik. Ein erheblicher Teil dessen, was beim eigenen Singen im Ohr ankommt, wird über Knochen und Gewebe direkt zum Innenohr geleitet. Dieser Weg überträgt tiefe Frequenzen bevorzugt. Deshalb klingt die eigene Stimme im Kopf voller und dunkler als in jeder Aufnahme, und deshalb erschrecken fast alle, wenn sie sich zum ersten Mal hören.
Für das Üben ist das folgenreich. Man beurteilt eine Klangfarbe, die außen niemand hört. Man hält einen Ton für tragfähig, der von innen dicht klingt, weil er gepresst ist. Man empfindet eine gesunde, offene Einstellung als dünn, weil ihr die Bassanhebung des Knochenwegs fehlt. Wer allein übt, optimiert also verlässlich in Richtung eines Gefühls und nicht in Richtung eines Ergebnisses.
Das zweite Problem ist die Diagnose. Ein Video kann erklären, wie eine Übung geht. Es kann nicht wissen, dass jemand sie mit angehobenem Kehlkopf macht, dass er in der Höhe die Zunge zurückzieht oder dass sein eigentliches Problem gar nicht dort liegt, wo er es sucht. Genau dieselbe Übung ist bei einer Person die Lösung und bei der nächsten die Verfestigung des Fehlers.
Und das dritte. Falsch geübte Bewegungen werden mit jeder Wiederholung sicherer. Fleiß ist im Gesang kein Sicherheitsnetz, er ist ein Verstärker. Wer sechs Monate lang zuverlässig drückt, muss hinterher nichts lernen, er muss etwas aufgeben. Das dauert länger.
Was man selbst tun kann, um das abzumildern
- Aufnehmen
- Der wirksamste Ersatz für ein zweites Ohr. Das Telefon reicht. Wichtig ist nur, die Aufnahme nach Aufwand zu beurteilen und nicht nach Gefallen. Klingt es angestrengt, ist es angestrengt, auch wenn es sich gut angefühlt hat.
- Nach Körpergefühl beurteilen, nicht nach Klang
- Weil der Klang von innen unzuverlässig ist, taugt er nicht als Maßstab. Brauchbare Fragen sind andere. Ist der Hals nach zwanzig Minuten wie vorher? Lässt sich der Ton leiser machen, ohne dass er wegbricht? Geht er in beide Richtungen?
- Nichts erzwingen
- Alles, was schmerzt, kratzt oder nachwirkt, ist ohne Aufsicht sofort zu lassen. Es gibt keine Übung, die weh tun muss.
Wann Unterricht wirklich den Unterschied macht
Ich halte ihn nicht in jeder Lage für nötig. Wer im Chor Freude haben will und dort ordentlich geleitet wird, braucht mich nicht. Wer gern zu Hause singt und dabei besser wird, ebenso wenig.
Nötig wird er, wenn eines von vier Dingen zutrifft. Wenn etwas wehtut oder die Stimme regelmäßig nach dem Singen anders ist. Wenn seit Monaten Stillstand herrscht, obwohl geübt wird; dahinter steckt fast immer ein Diagnoseproblem und kein Fleißproblem. Wenn die Stimme beruflich getragen werden muss, weil dann die Fehlerkosten steigen. Und wenn jemand in der Höhe zumacht, weil dort die Selbstwahrnehmung am unzuverlässigsten ist.
Die ehrlichste Form ist ohnehin die Mischung: wenige, aber regelmäßige Stunden zur Kontrolle, tägliches Üben allein dazwischen. Wer wöchentlich kommt und zwischen den Stunden nichts tut, kauft sich Zuschauen. Wer täglich übt und alle drei, vier Wochen prüfen lässt, kommt am weitesten und zahlt dabei am wenigsten.
Woran man guten Unterricht erkennt
Daran, dass erklärt wird, warum. Wer eine Übung bekommt, sollte wissen, wogegen sie gerichtet ist. Daran, dass niemand die eine Methode ausruft; die Unterschiede zwischen den Systemen sind kleiner, als ihre Anhänger glauben, wie ich an anderer Stelle beschrieben habe. Und daran, dass jemand bereit ist, an Grenzen weiterzuverweisen: an einen HNO-Arzt, an einen Logopäden, an einen Kollegen mit anderem Schwerpunkt.
Ein Lehrer, dessen Schüler alle klingen wie er, hat nicht unterrichtet, er hat kopiert. Es geht nicht darum, meine Vorstellung von einer guten Stimme herzustellen. Es geht darum, jemandem seine eigene zugänglich zu machen.
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