Methodik Mischa Züwerink

CVT, Estill, Speech Level Singing: was die Methoden wirklich unterscheidet

Ich werde regelmäßig gefragt, „nach welcher Methode“ ich arbeite. Die ehrliche Antwort gefällt selten auf Anhieb: nach der, die diese eine Stimme an diesem Tag weiterbringt. Das ist keine Ausflucht. Es folgt daraus, was diese Systeme sind und was sie nicht sind.

Vorweg, damit klar ist, woher ich komme. Zu meinen Lehrern zählen Seth Riggs und Katie Agresta. Ich habe in New York, Los Angeles und Las Vegas gelernt und arbeite seit über zwanzig Jahren mit Stimmen aus Tour und Studio. Eine Herkunft habe ich also, und ich verschweige sie nicht. Eine Schule verkaufe ich trotzdem nicht.

Alle vier beschreiben dasselbe Instrument

In Methodendebatten geht dieser Punkt meistens unter. Es gibt einen Kehlkopf, zwei Stimmlippen, einen Ansatzraum und einen Atemapparat. Diese Anatomie ist bei allen Menschen gleich, und keine Methode kann sie ändern. Was die Systeme unterscheidet, ist die Sprache, in der sie über dieses eine Instrument reden, und die Reihenfolge, in der sie es angehen. Wenn zwei Lehrer sich über „Belting“ streiten, streiten sie fast nie über Physiologie. Sie streiten über Wörter.

Speech Level Singing

Entwickelt von Seth Riggs, geboren 1930, jahrzehntelang in Los Angeles tätig und Lehrer einer bemerkenswerten Reihe von Sängerinnen und Sängern. Riggs' Ausbildung führt über seine eigenen Lehrer bis in die italienische Belcanto-Linie zurück.

Der Kerngedanke geht so. Der Kehlkopf soll auch bei steigender Tonhöhe in seiner Ruhelage bleiben. Riggs sah im Hochziehen des Kehlkopfs die Hauptursache für Anstrengung und Klangverlust. Entsprechend viel Zeit verbringt SLS mit Übungen, die diese Lage stabilisieren, und mit dem gleichmäßigen Übergang durch das passaggio.

Die Kritik daran ist ernst zu nehmen. Der Slogan „Sing, wie du sprichst“ ist anatomisch angreifbar. Wer beim Singen exakt dieselben Muskelverhältnisse benutzte wie beim Sprechen, käme über einen sehr engen Tonumfang nicht hinaus. Und Riggs’ Erzählung, er habe eine verlorene Belcanto-Weisheit wiederentdeckt, hält historisch nicht stand. Die Belcanto-Tradition ist nie abgerissen. Was bleibt, ist eine sehr wirksame Sammlung von Übungen für Übergänge und Kehlkopfruhe. Das ist viel. Eine Gesamttheorie ist es nicht.

Complete Vocal Technique

Entwickelt von der dänischen Sängerin und Stimmforscherin Cathrine Sadolin; das Complete Vocal Institute in Kopenhagen besteht seit 2005. CVT beansprucht, sämtliche Klänge zu kartieren, die eine menschliche Stimme hervorbringen kann, und für jeden davon einen gesunden Produktionsweg anzugeben.

Das bekannteste Element sind die vier Modes: Neutral, Curbing, Overdrive und, je nach Auflage des Buchs, Edge beziehungsweise Belting. Sie unterscheiden sich im Anteil dessen, was Sadolin „Metall“ nennt. Neutral ist der einzige nicht-metallische Mode, Curbing liegt dazwischen, Overdrive und Edge sind voll metallisch und unterscheiden sich unter anderem im Grad der aryepiglottischen Verengung. Eines wird dabei oft verwechselt. Modes sind keine Register. Sie beschreiben Klangcharaktere und keine Muskelverhältnisse, und sie gelten ausdrücklich auch für die Sprechstimme.

Die Stärke von CVT ist die Präzision der Klangbeschreibung. Wer als Sängerin genau weiß, welchen Charakter eine Stelle verlangt, findet über dieses Vokabular schnell hin. Die Schwäche ist dieselbe Eigenschaft von der anderen Seite. Das System ist umfangreich, und die Begriffe erschließen sich nicht in einer Stunde.

Estill Voice Training

Entwickelt von der amerikanischen Sopranistin und Forscherin Jo Estill (1921–2010). Der Ansatz ist der umgekehrte zu CVT. Er beginnt bei den einzelnen Strukturen und nicht beim gewünschten Klang.

Estill arbeitet mit dreizehn Figures, einzeln steuerbaren Einstellungen etwa des Kehlkopfstands, der Taschenfalten, des Gaumensegels, des Zungengrunds. Erst wenn diese Strukturen willentlich isoliert beherrscht werden, setzt man sie zu den sechs Voice Qualities zusammen: Speech, Falsetto, Twang, Sob, Opera und Belt. Jede Qualität ist als reproduzierbare Kombination bestimmter Figure- Einstellungen definiert.

Für analytisch veranlagte Sängerinnen und für die Arbeit mit Menschen, die ihre Stimme beruflich unter Belastung einsetzen, ist das ein außerordentlich starkes Werkzeug. Der Preis ist Zeit. Wer eine Stelle in vier Wochen im Kasten haben muss, ist mit dem Isolationsweg nicht immer gut bedient.

Belcanto

Keine Methode im Sinne der drei anderen, sondern eine über Jahrhunderte gewachsene Tradition, aus der alle drei schöpfen. In der Popularmusik ist sie vor allem dort präsent, wo es um belastete und verletzte Stimmen geht. Katie Agresta etwa, bei der ich gelernt habe, arbeitet auf dieser Grundlage und hat sich auf die Wiederherstellung geschädigter Stimmen spezialisiert. Was diese Linie einbringt, ist Geduld: eine Vorstellung von Stimmentwicklung, die in Jahren rechnet und nicht in Sessions.

Wo der Unterschied wirklich liegt

Der Unterschied liegt in der Richtung des Zugriffs und nicht in der Physiologie. Estill geht von unten: einzelne Strukturen, dann Klang. CVT geht von oben: gewünschter Klang, dann Weg dorthin. SLS geht durch die Mitte: die Balance im Übergang, alles andere ordnet sich unter. Belcanto geht über die Zeit.

Daraus folgt etwas Praktisches. Die Frage „Welche Methode ist die beste?“ ist so beantwortbar wie die Frage, ob ein Schraubendreher besser sei als eine Zange. Sinnvoll wird sie erst anders herum. Wo hakt es bei dieser Stimme, und welcher Zugriff löst genau das? Eine Sängerin, die technisch alles kann und im Übergang zumacht, braucht keine Systematik. Sie braucht drei Übungen und jemanden, der hört, wann sie greifen. Ein Sänger, der jeden Abend über zwei Stunden Show kommen muss, braucht ein belastbares Modell davon, was er da eigentlich tut.

Wie ich arbeite

Ich höre zuerst. In den ersten Minuten einer Analyse entscheidet sich, was fehlt. Welches Etikett darauf kommt, entscheidet sich dort nicht. Danach nehme ich das Werkzeug, das passt: die Übergangsarbeit aus der Riggs-Linie, wenn der passaggio das Thema ist; eine klare Klangvorgabe im Sinne der Modes, wenn jemand stilistisch nicht dort ankommt, wo er hinwill; isolierte Strukturarbeit, wenn eine einzelne Fehlfunktion alles andere blockiert. Fachbegriffe benutze ich dabei so wenig wie möglich. Wer verstanden hat, was er tut, braucht das Wort dafür nicht.

Was ich aus keiner Schule übernehme, ist der Alleinvertretungsanspruch. Die technische Grundlage, auf der ich stehe, wird von einer großen Zahl professioneller Sängerinnen und Sänger genutzt. Das macht sie belastbar und nicht heilig.

Woran du einen guten Lehrer erkennst

Unabhängig von der Methode. Er stellt Fragen, bevor er Übungen verteilt. Er kann erklären, warum eine Übung jetzt kommt, in einem Satz und ohne Mystik. Er nimmt auf und lässt dich hören, statt dir zu sagen, wie es klang. Er sagt, wenn etwas nicht sein Fach ist, und schickt dich zum Phoniater, wenn eine Heiserkeit länger als drei Wochen bleibt. Und er verspricht keine Oktave in vier Wochen.

Wenn dir jemand erzählt, seine Methode sei die einzig richtige, weißt du etwas über den Lehrer, nicht über die Methode.

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