Bühne Mischa Züwerink
Lampenfieber
Fast jeder, der davon betroffen ist, hält sich für die Ausnahme. Genau darin liegt der eigentliche Schaden. Nicht die Aufregung richtet ihn an, sondern die Überzeugung, dass alle anderen sie nicht haben.
Bühne
Es gibt dazu belastbare Zahlen. In einer Erhebung unter deutschen Orchestermusikern (Paderborn 2012) berichteten dreizehn Prozent von starkem und weitere dreißig Prozent von mittelstarkem Lampenfieber. Das sind gut vier von zehn in einer Ausprägung, die sie selbst als erheblich bezeichnen. Eine Untersuchung an vierundsiebzig hochbegabten Jugendlichen fand, dass etwa ein Drittel sich dadurch deutlich beeinträchtigt fühlte. Ausgesucht wurden diese Jugendlichen, weil sie gut sind. Es hört also nicht auf, wenn man besser wird.
Was der Körper tut
Die Reaktion ist alt und für die Bühne denkbar ungeeignet. Adrenalin und Noradrenalin steigen, der Puls geht hoch, die Atmung wird flacher und schneller, die Muskulatur spannt sich an, die Schleimhäute werden trockener, die Hände werden feucht. Für einen Kampf oder eine Flucht ist das eine gute Vorbereitung. Für einen ruhigen Ton ist fast jeder einzelne Punkt ein Problem.
Für die Stimme sind zwei Effekte besonders unangenehm. Die flache, hohe Atmung nimmt genau die Beteiligung heraus, die einen getragenen Ton ermöglicht. Der Sänger steht plötzlich ohne die Balance da, die im Proberaum selbstverständlich war. Und die Trockenheit erhöht den Anblasedruck, den die Stimmlippen brauchen, um überhaupt anzuschwingen. Deshalb bricht in der Aufregung so oft der erste Ton.
Das Entscheidende daran ist die Art des Vorgangs. Beides passiert im Körper, es ist kein Charakterzeugnis. Man kann es beeinflussen, aber nicht durch Ermahnung. „Reiß dich zusammen“ ist die am schlechtesten wirkende Anweisung der gesamten Bühnenpraxis.
Der Unterschied zwischen Aufregung und Angst
Ich unterscheide im Unterricht zwei Fälle, weil sie verschiedene Antworten brauchen.
- Aktivierung
- Erhöhte Wachheit vor dem Auftritt, die nach den ersten Takten nachlässt und die Leistung eher hebt als senkt. Der Normalfall sieht so aus. Er braucht keine Behandlung, er braucht Gewöhnung. Wer sie loswerden will, verliert meistens auch die Präsenz.
- Beeinträchtigung
- Aufregung, die schon Tage vorher beginnt, die während des Auftritts nicht abklingt, die zu Vermeidung führt oder körperlich so stark wird, dass Singen nicht mehr möglich ist. Das ist etwas anderes und gehört in fachliche Begleitung, psychotherapeutisch und nicht gesangspädagogisch.
Die Grenze verläuft nicht bei der Intensität des Gefühls. Sie verläuft bei der Frage, ob es das Leben verkleinert. Wer Vorsingen absagt, obwohl er gern hingehen würde, ist über der Grenze, auch wenn er auf der Bühne nachher gut funktioniert.
Was tatsächlich hilft
Das Wirksamste ist unspektakulär: Auftritte. Die Reaktion nimmt ab, wenn der Körper lernt, dass die Situation überlebt wird. Sie nimmt nicht ab, wenn man wartet, bis man sich bereit fühlt. Deshalb halte ich kleine, häufige Auftrittsgelegenheiten für wichtiger als jede Übung. Vor fünf Leuten im Wohnzimmer zu singen, zählt.
Zweitens die Vorbereitung, aber die richtige. Ein Programm, das man gerade so kann, ist unter Adrenalin nicht mehr abrufbar. Ein Programm, das man deutlich sicherer kann, als der Anlass verlangt, hält der Aufregung stand. Der übliche Fehler ist, sich am Limit zu präsentieren.
Drittens die Atmung, und zwar konkret: langsam ausatmen, länger als einatmen. Der verlängerte Ausatem senkt die Herzfrequenz messbar. Das ist keine Esoterik, das ist Physiologie, und es ist das einzige Werkzeug, das in den zwei Minuten vor dem Auftritt noch wirkt.
Und viertens der Fokus. Wer auf der Bühne über sich nachdenkt, verliert; wer über die Musik nachdenkt, gewinnt Zeit. Ich lasse Schüler deshalb einen konkreten Auftrag mit auf die Bühne nehmen, eine Stelle, auf die sie achten sollen. Ein besetzter Kopf hat weniger Platz für Beobachtung von außen.
Zu den Betablockern
Sie sind in der Musikwelt verbreiteter, als öffentlich gesprochen wird. Eine bekannte Erhebung unter amerikanischen Orchestermusikern fand 1988 siebenundzwanzig Prozent Anwender, die meisten davon ohne Verschreibung; eine australische Untersuchung kam 2014 auf einunddreißig Prozent, und eine Verbandsumfrage von 2024 unter 311 Musikern fand siebenundfünfzig Prozent Anwendung in Vorspielsituationen. Die letzte Zahl beruht auf freiwilliger Teilnahme und beschreibt keine Häufigkeit in der Gesamtheit.
Was die Evidenz hergibt, ist deutlich weniger, als diese Zahlen nahelegen. Betablocker dämpfen körperliche Symptome, also Herzrasen, Zittern und feuchte Hände, kurzfristig und in einzelnen Situationen. Sie behandeln die Angst nicht, sie verbessern die Vorbereitung nicht, und über den Dauergebrauch ist wenig Gutes bekannt. Sie sind verschreibungspflichtig, haben Gegenanzeigen und gehören in ärztliche Hand und nicht in die Runde hinter der Bühne.
Ich sage dazu im Unterricht dasselbe wie hier. Die Entscheidung ist eine medizinische, und sie ist mit einem Arzt zu treffen, nicht mit einem Vocal Coach und nicht mit Kollegen. Was ich beitragen kann, ist die Arbeit an dem, wofür es keine Tablette gibt.
Der Satz, der am meisten geholfen hat
Er stammt nicht von mir, und ich weiß nicht mehr, von wem. Das Publikum will, dass es gut wird. Niemand kauft eine Karte in der Hoffnung, einen Abend lang jemandem beim Scheitern zuzusehen. Die Vorstellung, da säßen Prüfer, ist eine Erfindung des eigenen Kopfes. Widerlegbar ist sie, allerdings nur durch Erfahrung und nicht durch Argumente.
Deshalb ist mein praktischer Rat auch so unromantisch: öfter auftreten, besser vorbereitet sein, als es nötig wäre, langsam ausatmen. Und wenn es das Leben verkleinert, sich Hilfe holen, die dafür ausgebildet ist.
Stand: September 2026. Medizinische Empfehlungen können sich ändern; dieser Text ersetzt keine Untersuchung.
Weiter im Journal: Die Sprechstimme im Beruf — was Lehrende und Vielsprecher wissen sollten. Zurück zur Übersicht oder direkt eine Frage stellen.